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Justus Koehncke – An alle EP

12BACH6, 12″ vinyl (edition of 300) and download, distributed by Kompakt, 2016

Superjustus-Hauntology: Hier will keiner eine Armlänge Abstand, wenn der Künstler hautnah an sein Publikum herantritt.

A1 NACHTS WENN ALLES SCHLÄFT mit dem Chor der Kulturen der Welt

»Drama und Loop – harmonisch eine pure Loopkomposition, wie so viele große Songs – steigern sich ins Unermessliche. Die beste Nummer, die Howard Carpendale je aufnehmen durfte. ›Der, dem Du gehörst, zu dem gehörst Du nicht / weil das, was du fühlst / einfach dagegen spricht‹ – so geht Ehebruch«. Justus Köhncke geht hier direkt zum Loop. Er geht dahin, wo die Musik spielt. Eine Kollaboration mit Barbara Morgenstern und ihrem Chor des Haus der Kulturen der Welt. Dort, wo der Park endet.

A2 STIMMEN IM WIND 

»Juliane Werding hatte ein Kinderstar-Problem mit dem Drogenwarner ›Conny Kramer‹. Dann wurde es still um sie. In den Achtzigern erfand sie Musik für unglückliche, gutsituierte Menschen, die sich lieben sind sich nah. Es wird immer gestorben, was das Zeug hält. ›Stimmen im Wind‹: Da ich mit Handlungen, auch bei Filmen, immer schlecht bin, habe ich erst beim ersten Take meines Gesangs kapiert, wovon das Lied handelt (ihr Matrose ist ersoffen und sie schaut aufs Meer, allein). Ergebnis: Abbruch und kleiner Weinkrampf«. Justus Köhncke kennt Gefühl. Sehnsucht ist unheilbar und seine auch. Ich habe dem nur diesen Link hinzuzufügen, da wird alles gesagt: http://www.musikexpress.de/juliane-werding-hat-mein-leben-veraendert-158957/.

A3 EIN RISS IN MEINER NÜCHTERNHEIT mit Gina D’Orio

Tanita Tikaram hatte 1988 Ihren Hit »Twist in My Sobriety«. Justus Köhncke: »Ich habe diese Version mit Gina D’Orio  produziert. Die schönste Textzeile, ›nur ein Statist in meiner Wirklichkeit‹, musste in die Auslaufrille der Platte eingraviert werden«. Adelt alles an diesem impertinenten Liedchen, von dem ich immer dachte, es sei nur für krankhaft patente Frauen, die auch auch mal desillusioniert sein wollen. Es gibt einen anderen Weg in den Park.

B1 DER HERZENKAPITÄN 

Die einzige Auslassung, für die ich dankbar bin, das Stück, vor dem ich mein Herz verschließe, ist »Silly Love Songs«, von Justus fertig eingedeutscht, produziert und verworfen. Das eklatanteste Beispiel für die Verschwörung zwischen Songschreiber und Publikum, die darin besteht, absichtlichen Demenz-Terror bei einem, der die Welt sonst mit songschreiberischer Kompetenz überzieht, entzückend und kein bisschen verlogen und patronisierend zu finden. Einfach nicht zu retten. Dafür »kommt etwas viel Geileres, nämlich ›Captain of Her Heart‹ als elektronische Wolke. ›Der Herzenkapitän‹. Das Schöne ist, dass ich hier gerade in der Isolation in Irmin Schmidts Studio in der Provence mit René Tinner, dem Original-Producer von DOUBLE dereinst 1984 im CAN-Studio Weilerswist (die waren #4 in USA und badeten im Geld), bearbeite. Ein melancholisches Meisterwerk«. Ja, war das ein kleiner Widerling, ein kühles Dandy-Flair Verkörpern-Wollen, aber dann für immer die Sitzheizung laufen lassen. Bis jetzt nur die Musik gehört und bewundernd den Text gelesen, habe aber schon jetzt festgestellt, dass Justus Köhncke, wie so oft, genau die Geräusche und Effekte rettet und zusammenbringt,  für die ich ein besonderes Faible habe, aller Impertinenz entkleidet.

B2 EIN STERN DER DEINEN NAMEN TRÄGT

Bleibt immer da. »Kein Kommentar. Die erfolgreichste Single 2008 in Deutschland-Österreich-Schweiz musste dringend in ein anderes Musikgewand gekleidet werden, damit dieser entwaffnend wesentliche Text mal zur Geltung kommt«. Diese Allzweckwaffe des neuen deutschen Gaudiburschentums, dieses seelenvernichtende Sommermärchen that just won’t quit. Justus Köhncke singt es mit seiner so weichen, schönen Nichtstimme so, wie ich es auch meinen Kindern an der Wiege vorsingen würde. Gespenstisch.

AN ALLE

Ist das neu? Ist das zeitgenössisch? 

Ist das radikal genug?  

Wir weinen, wir singen.  

Allein.  

Menschen, die sich lieben, sind sich nah. 

Clara Drechsler, Köln, 2016